Samstag, 17.01.2009, 19.50Uhr:
Ich sitze auf meinem Bike und radle nach dem Gottesdienst nach Hause. Etliche Gedanken und Gefühle gehen mir durch Herz und Kopf. Gemeinsam haben sie eine schlichtweg positive Färbung: Dankbarkeit. Warum?
Als ich vor einigen Jahren nach Heidelberg zog, dachte ich, dass Gemeindesuche hier ein Kinderspiel sein dürfte. No big deal. Schließlich gibt es hier etliche freie Gemeinden! Stimmt ja auch. Doch wider Erwarten gestaltete sich das Ganze dann so gar nicht als Kinderspiel und immer wieder stellte ich mir frustrierte Fragen: Liegt es an mir? Sind meine Vorstellungen von Gemeinde so abwegig, dass man das nicht finden kann? Habe ich ein Problem, muss ich an meiner Einstellung was ändern…?
Im Sommer letzten Jahres war ich wieder mal an diesem Punkt angekommen und fühlte Reue über meine früheren harten Gedanken über so genannte „Church Hopper“ – Leute, die mal hier und da zum Gottesdienst kommen, aber nirgends verbindlich dazu gehören. Irgendwie fühlte ich mich wie eine von ihnen. Mit einem großen Unterschied: ich lebte mein Church-Hopping, das mich alle paar Monate in eine neue Gemeinde brachte, nicht freiwillig!
Durch diverse Erfahrungen, Gespräche und dem Auseinandersetzen mit meinen Erlebnissen vor Ort, hatte ich inzwischen eine ziemlich klare Vorstellung von dem, was ich mir unter Gemeinde NICHT vorstellte. Was aber WOLLTE ich denn? Ich wollte Menschen, mit denen ich gemeinsam unterwegs sein konnte, die ähnliche Träume träumten, die sich nach Gott und seiner Gegenwart sehnten, ich wollte keine starren Strukturen und Formeln und Listen wo es um Verbindlichkeit ging, sondern dass Begeisterung und Hingabe das gemeinsame (Gemeinde-)Leben so prägt, dass Verbindlichkeit automatisch vorhanden ist. Ich wollte keine Truppe die einen geistlichen Patriarchen als Oberguru anhimmelt, sondern Menschen, die Fehler zugeben können und anschließend wieder aufstehen und Vergebung leben. Wo es nicht darum geht, einen Gottesdienst abzufeiern um dann einfach wie bisher wieder weiter zu leben. Oder wie es in einem Buch so schön heisst: „You don’t GO to church, you ARE the church.“ War das zu viel Wunschdenken?
Mit all diesem Frust und meinen Fragen lernte ich dann im Sommer ‘08 die Vinyard-Gemeinde in Heidelberg kennen. Und mit ihr einen Haufen Leute, die mir auf Anhieb sympathisch waren. Hier hatte ich das Gefühl, dass es nicht um Gottesdienst-Show, blinden Aktivismus oder Druck ging. Jedes Mal wurde ich von jemandem angequatscht, ob ich schon öfters hier war und wer ich denn so sei. Die Predigten vom Pastor waren bibelbezogen, alltagsnah und inspirierend und bald stellte sich bei mir zum ersten Mal seit Ewigkeiten das Gefühl ein: hier will ich bleiben!
Natürlich gibt es da, wo Menschen aufeinander treffen Stress. Für diese Feststellung muss man nicht Psychologie studiert haben. Eine Aussage, die mir in Gesprächen in Bezug auf Gemeindesuche immer wieder begegnete war: „Die perfekte Gemeinde gibt es ja nunmal nicht.“ Ach nein? So ein Schwachsinn! Oder anders: kommt drauf an, was man unter „perfekt“ verstehen mag.
Wenn „perfekte Gemeinde“ bedeutet, dass es nie was geben darf, was mich nervt oder stresst oder mental herausfordert – Ja, dann wird man vergeblich suchen. Trotzdem wage ich die Behauptung, dass es die perfekte Gemeinde gibt. Warum? “Perfekte Gemeinde“ bedeutet für mich, dass ich gewillt bin, mich trotz allen Herausforderungen, auf diesen Haufen Leute einzulassen. Dass ich Bock habe mit ihnen unterwegs zu sein, mich einzubringen, mich selbst verändern zu lassen und mich gemeinsam mit diesen Leuten Gott auszusetzen. „Perfekte Gemeinde“ heisst für mich, dass ich hier Raum und Zeit finde, Begegnungen mit dem lebendigen Gott zu haben – der schließlich perfekt ist!
Und so sitze ich gestern Abend nach dem Gottesdienst auf meinem Fahrrad und bin dankbar, endlich angekommen zu sein. Angekommen bei einer Gemeinde, wo ich Vieles davon entdecke, wie ich mir eine „geistliche Heimat“ vorstelle. Zum Beispiel:
- Menschen, mit denen man unterweg sein will weil sie die Richtung einschlagen in die man selbst gehen möchte. Leute, die offen sind und einem das Gefühl geben, willkommen zu sein.
- Authentizität, Transparenz, Fehlerkultur, Freiraum
- Lobpreis, der nicht über Gott singt, sondern sich direkt an ihn richtet – echt, offen, schlicht, hungrig, ehrlich.
- Input, der im Alltag Relevanz findet und inspiriert
- Leidenschaft für Menschen vor Ort, für Heidelberg, für Leute, die Jesus noch nicht kennen
- Struktur, die den Leuten dienen soll, nicht umgekehrt.
- Sehnsucht nach Gott, seiner Gegenwart, seinem Wirken, seiner Korrektur und Liebe.
Und während ich so im Dunkeln nach Hause radle, bin ich einfach mega dankbar, dazugehören zu können. Danke, Gott. Ich freu mich auf dieses Jahr mit dir und diesen Leuten!
PS: Wer mehr über die Vineyard-Bewegung wissen mag, sollte sich Pastor Marlins Buch anschaffen: „Natürlich Übernatürlich. Die Geschichte der Vineyard-Bewegung – Von den Anfängen der Hippie-Bewegung bis zu neuen Gemeinden im postmodernen Europa“.