Archiv für Juni, 2008

Reue.

Veröffentlicht in 1 mit Tags am 17 Juni, 2008 von julinez

Heute Morgen wurde ich an eine Begegnung erinnert, die ich neulich in der Heidelberger Innenstadt hatte und die in mir ein Gefühl auslöste, das sich wohl am besten als Reue bezeichnen lässt.

Ich kam von der Bibliothek und war völlig in Gedanken, als mich plötzlich eine ältere Frau, die recht fertig aussah, um Kleingeld bat. Fast automatisch murmelte ich „Nein, tut mir Leid“ und ging weiter. Aber kaum war ich drei Schritte weiter, schoß mir wie ein Blitz ein Bibelvers durch den Kopf: „Silber und Gold habe ich nicht. Doch was ich habe, gebe ich dir.“  Damals waren Petrus und Johannes vor dem Tempel von einem gelähmten Bettler um Kleingeld gebeten worden. Petrus erklärte dem Bettler, dass sie ihm zwar kein Geld geben könnten, aber dass sie etwas Anderes hätten. Petrus heilte den Mann im Namen Jesus und dieser sprang vor Freude und lobte Gott ( siehe Apostelgeschichte 3).

Und bei mir? Da war diese Frau, die offensichtlich Probleme hatte und um Kleingeld bat. Ähnliche Story, ein paar Tausend Jahre später. Auch wenn ich ihr wirklich nichts Materielles hätte geben können, so hätte ich ihr doch wenigstens ein paar Minuten meiner Zeit anbieten können. Wer weiß, was aus einem Gespräch mit ihr entstanden wäre?! Ich hätte sagen können: „Ich kann Ihnen kein Kleingeld geben, aber ich unterhalte mich gerne ein bisschen mit Ihnen.“ Sie hätte ja immer noch ablehnen können. Aber ich war so in meinem Trott und innerhalb von Sekunden war die Chance vertan.

Reue. Ich weiß, dass ich nicht bei diesem Gefühl stehen bleiben muss. Damit würde ich niemandem helfen und es wäre noch nicht mal das, was Gott hier möchte. Aber trotzdem hat mir diese Mini-Begegnung geholfen: sie hat mich sozusagen dermaßen frustriert, dass ich hoffe, das nächste Mal mit offeneren Augen durch die Gegend zu laufen. Und vor allem mit einem offenen Herzen.

Walk the Talk

Veröffentlicht in 1 mit Tags am 13 Juni, 2008 von julinez

In einem Seminar zum Thema Führung fiel diese Woche das Sprichwort „Walk the talk“. Soll heißen: Authentizität und Glaubwürdigkeit entsteht dadurch, dass Reden und Handeln übereinstimmen. Wird im Gegenteil dazu eine große Kluft zwischen persönlicher Meinung und Verhalten sichtbar, bewirkt das Unglaubwürdigkeit und  Vertrauensverlust.

Das Ganze passt zu einer Unterhaltung mit einer Kommilitonin, die ziemlich frustriert darüber war, dass Christen häufig viel und schön reden, sich dann im Alltag aber doch ganz anders verhalten und sich nicht an ihre eigenen Maßstäbe oder Standards halten. Das Ganze hat mich ziemlich nachdenklich und auch ärgerlich gemacht. „Hat sie Recht?“ habe ich mich gefragt.

Ohne walk ist aller talk nur leeres BlaBla. Wenn sich das, was ich glaube, nicht in meinem Leben widerspiegelt, hat niemand was davon – nicht mal ich selbst.

„Genauso ist es auch mit dem Glauben: Wenn er allein bleibt und aus ihm keine Taten hervorgehen, ist er tot.“ (Jakobus 2,17)

Zum Weiterdenken: Wo stimmen „walk“ und „talk“ in meinem Leben überein? Wo oder wann lassen sich (noch) häufig Lücken entdecken? Wo ist Veränderung nötig und wie kann diese aussehen?

Max

Veröffentlicht in 1 mit Tags , am 11 Juni, 2008 von julinez

Heute wurde ich aufgeklärt. Im Bus. Und zwar über eine Fragestellung, die mich schon länger beschäftigt. Ich wollte es aus erster Hand wissen und heute ergab sich unerwartet eine Gelegenheit.

Ich sitze an einer S-Bahnhaltestelle und warte auf meine Bahn. Ein Teenyjunge kommt mit einem Sixpack Bier, spuckt ein paarmal auf die Straße und setzt sich neben mich. Auf der anderen Seite der S-Bahnschienen tauchen plötzlich 2 Polizisten auf und schlendern den Gehsteig entlang. Der Junge neben mir – nennen wir ihn Max – spricht mich plötzlich an.

Max: Entschuldigen Sie?  Wenn die Polizisten fragen, sagen Sie dann, dass das Bier hier ihnen gehört?“.

Ich (nach kurzem Überlegen):“Nein, sicher nicht.“

 Max: Hmhm.“

Ich: „Dauert es noch lange bis das kein Problem mehr ist?“

Max: „Noch 1 Jahr. Dann bin ich 16. Da freu ich mich drauf!… Was macht die Polizei hier überhaupt?“

Ich: „Weiß auch nicht, hab ich mich auch schon gefragt.“

Es folgt eine nette kleine Unterhaltung mit Max und einem Freund von ihm bei dem ich erfahre, dass sie Beide keine 16 sind und schon öfters mit der Polizei Probleme hatten.

Max: „Und wie alt schätzen sie den da?“ (zeigt auf seinen Freund)

Ich (lache): „Ich schätze lieber nicht…“

Der Freund: „In 3 Monaten werde ich 16. Aber ich werde immer auf 14 geschätzt.“

Ich: „Das kenn ich, ich werde auch immer jünger geschätzt. Allerdings ist es in meinem Alter nicht mehr so das Problem.“

Max: „Ja, da freut man sich dann.“

Ich schmunzle innerlich. Max und ich steigen in die Bahn und setzen uns nebeneinander. Ich wittere meine Gelegenheit und stelle ihm meine Frage:

„Sag mal, kann ich dich mal was fragen?“

Max (wird etwas nervös): „Hmhm.“

Ich: „Warum spuckt ihr eigentlich so häufig?“  

Max (entspannt sich): „Das ist so ne Angewohnheit. Bei mir hat das so angefangen:man trinkt was und dann hat man eben viel Spucke und Schleim. Und dann hat man eben die Angewohnheit. Das machen viele… ich kenne auch ne Menge Mädchen, die das machen.“

Ich: „Und was macht ihr am Wochenende und sonst so?“

Max: „Hm. Sich halt wo treffen, Fußball gucken, was trinken – aber nicht zu viel! Und was sportmäßiges. Auch wenn wir nicht so aussehen. Im Winter Eislaufen und im Sommer eben Schwimmen gehen…“

Ein Freund taucht in der Bahn auf. Ich erfahre aus dem Gespräch, dass die Beiden wohl heftige Probleme in der Schule und auch privat haben und Max zu Hause ausgezogen ist. Ich sitze da zwischen den Jungs und komm mir vor wie…. ja, wie im echten Leben eben.

Kurz bevor Max dann aussteigt meint er noch: „Aber das hört wieder auf. Das mit dem Spucken.“

Ich: „Ah, ok. Ab wann denn so?“

Er: „Ich weiß kein genaues Alter. Aber die meisten mit 17 machen das nicht mehr… Also, Tschüß denn.“

Ich: „Tschüß, mach’s gut.“

Zum Abschied nicken wir uns durch die Scheibe nochmal kurz zu.  Dann verschwindet Max aus meinem Sichtfeld. Ich sitze da und freu mich über die kurze und coole Unterhaltung und das obwohl ich mich ja geweigert hatte für Max im Notfall zu lügen. Und ohne theatralisch oder übermissionarisch wirken zu wollen wünsche ich mir von ganzem Herzen, ich hätte ihm was mitgeben können – was Besseres als Bier, Stress in der Family und Abhängen in Nullbockhaltung. Und ich weiß, Max ist nur Einer von Vielen. Aber ein besonders Netter. Ich wüsste auch schon, was ich ihm geben würde: ich würde ihn mit jemandem bekannt machen. Auch jemand Besonderes. Einer, den er wahrscheinlich noch nicht kennt. Hoffentlich treffe ich Max irgendwann wieder einmal in der Bahn.

Realitätsverlust

Veröffentlicht in Mix2 mit Tags am 5 Juni, 2008 von julinez

Bei manchen Profs an der Uni könnte man meinen, dass sie jeglichen Bezug zur Realität verloren haben. Ein Beispiel: Gestern in Methodenlehre (igitt!), meinte mein Prof (super!) nachdem er uns schon eine Weile mit mördermäßigen Formeln, Rumgerechne und Co. geplagt hatte:

Prof (grinsend): „Meine Idealvorstellung ist ja immer, dass sie abends gemütlich am offenen Kamin sitzen und sich diese Sachen hier reinziehen…“

Studenten: Diejenigen, die noch wach waren brechen vor Lachen/Mitleid beinahe zusammen.

Enlarge your circle

Veröffentlicht in Mix2 mit Tags am 4 Juni, 2008 von julinez

„Enlarge your circle of inclusion.“ (Joyce Meyer)

Ich bin eine Ex-Exklusive. Zumindest annähernd. Das Reich der Exklusiven gefällt mir nicht mehr. Es ist mir zu eng geworden, zu exklusiv.

Exklusivität ist etwas, das gleichermaßen anziehend und abstoßend wirken kann. Exklusivität sagt „Ich bin etwas Besonderes – und du, die/der du nicht zum Kreis dazu gehörst, eben nicht.“  Wir Menschen wünschen uns, besonders zu sein: besonders gutaussehend, wohlhabend, kreativ, stylisch oder zumindest beliebt, anerkannt, erfolgreich. Und dafür tut man so einiges. Aber Exlusivität hat ihren Preis. Und der geht in zweierlei Richtung: ich schließe mich ein, und Andere aus. Das kann mit der Zeit langweilig, starr und einengend werden. Je exklusiver ich den Kreis um mich herum schließe – da kommen nur Leute rein, die so sind wie ich – desto beklemmender wird es.

Das Ganze ging mir die vergangenen Wochen so auf während in einem Vortrag der Satz fiel „Enlarge your circle of inlcusion.“ Da wusste ich: das ist das, was ich will. Ich will meinen Horizont erweitern, mit Menschen und mir selbst großzügig sein, Andersartigkeit nicht argwönisch betrachten, sondern offen und freundlich auf Andere zugehen können, sie mit in meinen Kreis aufnehmen, auch wenn sie anders ticken oder aussehen als ich mir das vielleicht vorstellen mag.

„Enlarge your circle“ heisst für mich nicht billige Toleranz im Sinne von Gleichgültigkeit, sondern ein weites Herz für Menschen zu bekommen, die bislang nicht zu meinem Kreis gehörten. Das wird beinhalten, dass ich meine bisherigen Einstellungenhinterfrage, bereit bin umzudenken, dazuzulernen und auf Menschen zugehe, die ich lieber draußen lassen würde. Sowas passiert nicht über Nacht, schon klar. Und es mag auch unbequem werden. Aber ich habe gemerkt, dass mein Kreis der Exklusivität einen Veränderung dringend nötig hat – und einen neuen Titel: ExInklusivität.